Mittwoch, 29. Oktober 2014

Religionssoziologie


Eßbach, Wolfgang (2014): Religionssoziologie 1. Glaubenskrieg und Revolution als Wiege neuer Religionen. Paderborn: Fink, Wilhelm.

Ein "Opus magnum", das auf den Tisch jedes Theologen und religiös Interessieren gehört, der über Religion und die Veränderung der Religionen in Europa in den letzten Jahrhunderten informiert sein will.

[Klappentext] Zwischen christlichem Glauben und religiöser Indifferenz sind in Europa neue Religionen entstanden, die bis in unsere Gegenwart ausstrahlen und die Wertorientierung leiten. Auf dem Wege einer historisch-soziologischen Analyse der Konjunkturen des Themas »Wiederkehr von Religion« entwickelt Wolfgang Eßbach eine Typologie europäischer Religionen in der Moderne. Behandelt werden Konfessionalismus, Vernunftreligion, Nationalreligion, Kunstreligion, Wissenschaftsreligion und Elemente des Glaubens an Verfahren. Dabei wird nach ihren Verbindungen mit den dominierenden Zeiterfahrungen im modernen Europa, von den Glaubenskriegen der frühen Neuzeit bis zur Artifizierung der Lebenswelt im 20. Jahrhundert, gefragt. Sie haben Intellektuelle immer wieder umgetrieben. Jede neu hinzukommende Erfahrungslage bestimmt die Konjunktur des Religiösen. Neue Deutungen und Kritiken treten in Beziehung zu älteren Thematisierungen von Religion, die entweder verblassen oder reaktiviert werden. Der religiöse »Pluralismus« der Gegenwart kann so als ein geschichtetes, kumulatives Phänomen begriffen werden, dessen einzelne Elemente in einem spannungsreichen Gefüge auch in Zukunft kaum zu beruhigen sein werden.

Montag, 6. Oktober 2014

Das konvivialistische Manifest


Das konvivialistische Manifest. Für eine neue Kunst des Zusammenlebens (2014). Hg. v. Claus Leggewie und Frank Adloff. Bielefeld: transcript (X-Texte zu Kultur und Gesellschaft).

Gerade erschienen im transcript-Verlag ist die deutsche Übersetzung des konvivalistischen Manifests. (http://www.diekonvivialisten.de/)

"Die globalen Probleme des Klimawandels, der Armut, der sozialen Ungleichheit oder der Finanzkrise erfordern ein Umdenken und veränderte Formen des Zusammenlebens. Viele Bewegungen, Initiativen und Gruppierungen suchen aktuell schon nach alternativen Wegen. Ihnen allen gemeinsam ist das Streben nach einer neuen Kunst, miteinander zu leben (con-vivere).

Als sich im Jahr 2010 Wissenschaftler_innen um Alain Caillé, Marc Humbert, Serge Latouche und Patrick Viveret zu einem Kolloquium in Tokio trafen, um über die Aktualität von Konvivialität und Konvivialismus zu debattieren, war noch nicht abzusehen, welche Resonanz diese Begriffe in den Folgejahren erfahren würden. Beginnend mit dem Tagungsband des Kolloquiums und dem Büchlein »Pour un manifeste du convivialisme« von Alain Caillé (2011) startete eine Diskussion über die Fehlentwicklungen zeitgenössischer Gesellschaften, die Kapitalismuskritik mit Konzepten für eine Neudefinition von Reichtum und Wohlstand verbindet … eine Diskussion, die noch längst nicht an ihr Ende gekommen ist."

Samstag, 4. Oktober 2014

Heute glaubwürdig von Gott reden


Schütze, Stefan (2014): Heute glaubwürdig von Gott reden. 'Gott', 'Mensch' und 'Welt' im 21. Jahrhundert. Hamburg: disserta-Verlag.

Wie kann man nach dem Ende der Plausibilität traditioneller theistischer Konzepte von 'Gott', 'Welt' und 'Mensch' dennoch 'sag- und tragfähig' von 'Gott' oder dem Göttlichen reden, und die Grunderfahrungen von 'Glaube, Liebe und Hoffnung', wie sie im menschlichen Gottesglauben 'beherbergt' sind, trotz alledem bekräftigen? Im Zusammenhang dieser Fragen suchte der Autor nach Möglichkeiten alternativer Deutungen von 'Gott' und'Religion', die auch angesichts unseres heutigen evolutionären Weltbildes plausibilisierbar, interreligiös vernetzt, kritisch vertieft, und zugleich für ihn persönlich existentiell belastbar sind. Seine theologische Abenteuerreise, die ihn zu einem nicht-theistischen oder nach-theistischen Gottesbild und zu einer kritisch gebrochenen und tastenden 'Theologie des Werdens' führte, hat er in diesem Buch dokumentiert und beschrieben. Dabei bezieht er sich neben einigen führenden liberalen deutschen religiösen Autoren u.a. auf die zeitgenössische internationale, angelsächsische und nordamerikanische theologisch-philosophische Grundlagenliteratur, deren für ihn wegweisende Impulse er vorstellt, kritisch durchdenkt, und versucht, zu einem eigenen religiösen Denkgebäude zu verweben.

Donnerstag, 2. Oktober 2014

An-Sichten


Carl, Hans-Ulrich (2014): An-Sichten. 99 Versuche, sich einem Bild zu nähern. Am Beispiel der "Kreidefelsen auf Rügen" von Caspar David Friedrich. Stuttgart: Radius.

Aus dem Vorwort des Verfassers: ... "Mit zwei Augen haben wir gelernt, das alles angemessen zu erfassen. Und dabei brauchten wir hundert Augen, um in aller Tiefe und Weite wahrzunehmen, was jedes einzelne Bild enthält und was es bewirkt. Auf den folgenden Seiten finden Sie verschiedene Wege, an ein einzelnes Bild heranzutreten und ihm seine Geheimnisse zu entlocken. Dass ich das bekannte Gemälde eines berühmten Künstlers zu diesem Zweck ausgewählt habe, macht es leichter, sich auf eine große Vielfalt von plausiblen Zugängen einzulassen. Aber eine ganze Menge von diesen An-Sichten ist für jedes Bild anwendbar, das uns begegnet, um nicht zu sagen notwendig."

Umgang mit Unsäglichem


Hunziker, Andreas; Mauz, Andreas (Hg.) (2014): "Umgang mit Unsäglichem". Martin Walser und die Rechtfertigungsfrage. Hermeneutische Blätter (1). Zürich: Institut für Hermeneutik und Religionsphilosophie an der Theologischen Fakultät.

Mit Beiträgen von Stefan Berg, Erich Bosshard-Nepustil, Pierre Bühler, Marcel Egli, Christoph Gellner, Solke Horstkotte, Ralph Kunz, Norbert Lüthy, Kathrin Messner, Matthias Neugebauer, Friederike Rass, Martin Rüsch, Hartmut von Sass und Lorenzo Scornaienchi.

Mittwoch, 16. Juli 2014

Das Paradies in Bibel und Bildender Kunst


Kessler, Rainer; Schwebel, Horst (Hg.) (2014): Das Paradies in Bibel und bildender Kunst. Marburg: Blaues Schloss (Theologie im Paradies, Band 2+3).

Die Veranstaltungsreihe heißt „Theologie im Paradies“ und findet in einem alten Klostergarten statt.

Der Beitrag von Rainer Kessler zum Paradies in der biblischen Tradition umfasst drei Teile. Der erste Teil erläutert den Hintergrund der Vorstellung vom Paradiesgarten. Er liegt in den Gartenanlagen der altorientalischen Könige, die mit exotischen Bäumen bepflanzt, bewässert und eingefriedet sind. Im Hauptteil des Vortrags wird die Paradiesvorstellung aus dem 1. Mosebuch behandelt. Dieses Paradies ist ein mythischer Ort, der gleichwohl der irdischen Geographie zugehört. Der dritte Teil erläutert, wie daraus das Paradies als Ort im Jenseits wurde, dem als Gegenort die Hölle entspricht. Nach christlicher Tradition ist es Christus, der das einst unzugängliche Paradies wieder aufgeschlossen hat.

Horst Schwebels Beitrag präsentiert ein Bild von Jirí Kolár. Beim Bild handelte es sich um eine Collagenarbeit, die den „Sündenfall“ von Hugo van der Goes zum Ausgangspunkt nahm. Während van der Goes den Mythos als Beginn eines Verhängnisses deutete, kommt es bei Kolárs „Sündenfall“ zu einem guten Ausgang.

Sonntag, 13. Juli 2014

Das Kompendium der Geheimhaltung und Täuschung


Das Kompendium der Geheimhaltung und Täuschung, der Lüge und des Betrugs, des Verrats und der Verstellungskunst (2014). Unter Mitarbeit von Marc Schweska. 1. Aufl., neue Ausg. Berlin: AB - Die Andere Bibliothek (Die Andere Bibliothek, 354).

»Es gibt fünf Arten von Spionen: der ortsansässige Spion, der innere Spion, der Gegenspion, der tote Spion und der lebendige Spion. Wenn alle diese fünf Arten von Spionen in Aktion treten, weiß niemand um ihre Wege – dies nennt man organisatorisches Genie.« (Sunzi, ca. 500 v. Chr.) Nur dunkel scheint das Thema der Täuschung. Wer täuscht, der handelt im Geheimen und unmoralisch, der verstört mit Lüge, Verrat und Betrug seine Opfer. Die Erkenntnis, getäuscht worden zu sein, kann das Vertrauen in die Welt aufs Schwerste erschüttern. Heiter wird die Täuschung aber in der Verstellungskunst, in den Erzählungen von der Listigkeit, die kraftvoll und klug die verwickelten Lebensschwierigkeiten mit Täuschungen elegant und mit Witz überwindet. Dieses Kompendium versammelt klassische und weniger berühmte und bekannte Texte, die Täuschung zumeist in ihrer drastischen Dimension behandeln. Die Texte stammen aus der griechischen und römischen Antike: Homer, Hesiod, Heraklit, Sophokles, Platon und Aristoteles gehören dazu wie Seneca, Plutarch, Tacitus und Lucian und viele andere. Augustinus oder Dante, Boccaccio und Machiavelli fehlen natürlich genauso wenig wie Erasmus von Rotterdam, Montaigne, Baltasar Gracian oder Pascal; dazu die Reflexionen der Moralistik. Kant und Schopenhauer oder Nietzsche sind vertreten, ebenso natürlich die legendären »Trickster«-Figuren wie Odysseus, Sisyphos und Till Eulenspiegel. Nicht vergessen sind wichtige außereuropäische Texte wie Sunzis Schrift über Kriegskunst und das altindische Politik-Lehrbuch Arthasastra. Natürlich findet sich das Thema in der großen Literatur, bei Voltaire, Diderot , Goethe oder Schiller und in der gesamten klassischen und romantischen Literatur; Hermann Melville oder Jorge Luis Borges gehören in unsere Sammlung, die Sentenzen und Aphorismen vieler Autoren – bis in die Gegenwart. Das dürfen Sie von einem Kompendium (wenn auch ohne Anspruch auf Vollzähligkeit, das wäre eine Täuschung) erwarten. Und: Nicht zuletzt gibt es Texte, die auch die gebildeten Freunde der Anderen Bibliothek noch überraschen können.

Zwischen den Zeiten


Fois, Marcello (2014): Zwischen den Zeiten. Unter Mitarbeit von Monika Lustig. 1. Aufl., neue Ausg. Berlin: AB - Die Andere Bibliothek (Die Andere Bibliothek, 353).

»Ja, er hatte bestens verstanden. Doch was er nicht wissen konnte – und es war auch nicht nötig, ihm das zu erklären – war die Tatsache, dass der Name Vicenzo und der Familienname Chironi zum allerersten Mal in einem Atemzug aus dem Mund ihres Trägers gekommen waren.« Sardinien im Oktober 1943. Vincenzo Chironi lebt Zwischen den Zeiten: Er ist auf der Suche nach seiner Vergangenheit und einer Zukunft. Aufgewachsen ist er in einem Waisenhaus in Triest. Viele Jahre war er der Sohn von niemand. Nun hat er wieder einen Namen und ist auf dem beschwerlichen Weg nach Núoro, zu seiner Vaterfamilie, in seine sardische Heimat – die für ihn noch keine ist. Im Haus der Chironi leben noch der Großvater, der ehemalige Meisterschmied Michele Angelo, dem nach allen Tragödien nur die Tochter geblieben ist. Alles wirkt wie eine Wiedergutmachung, schicksalhaftes Wunder in diesem fluchhaften Familienepos: Der Neffe ist zurückgekehrt. Er wird in einem Sardinien, wo alles Archaische der Insel den neuen bürgerlichen Zeiten begegnet, die Geschichte des Geschlechts der Chironi weiterschreiben können.

Ewiger Sabbat


Kanovič, Grigorij; Ahrndt, Waltraud (2014): Ewiger Sabbat. Orig.-Ausg., limitiert und nummeriert. Berlin: AB - Die Andere Bibliothek (Die Andere Bibliothek, 351).

»Ich bin kein jüdischer Schriftsteller, weil ich russisch schreibe, kein russischer Schriftsteller weil ich über Juden schreibe, und kein litauischer Schriftsteller, weil ich nicht litauisch schreibe.« Grigori Kanowitsch (Grigorijus Kanovicius) ist ein Autor zwischen den Sprachen: In Litauen geboren, ist das Jiddische seine Schtetl-Muttersprache. Das Russische eignete er sich als Dreizehnjähriger an, dem Genozid entkommen nach Kasachstan. In seinem literarischen Werk, übersetzt in zwölf Sprachen, vergegenwärtigt er immer wieder das litauische jüdische Leben. Es ist sein Lebensthema. Es nährt das Kolorit seiner Prosa, ihren Klang und Ihre Gestimmtheit zwischen bitterer Ausweglosigkeit und unerschöpflichem Lebensglauben, zwischen skurrilem Witz und heiterer Melancholie: »Jetzt habe ich begriffen. Der Tod ist ein Feiertag. Das Ende der Arbeit. Der Tod ist ein ewiger Sabbat.« Swetschi na wetru/Kerzen im Wind (1979) hieß Grigori Kanowitschs erster Roman, der nun unter dem Titel Ewiger Sabbat wiederzuentdecken ist. Anfang der 30er-Jahre – in einem kleinen Dorf bei Vilnius lebt Daniel zunächst bei Großvater, dem Uhrmacher, und Großmutter, der Vater sitzt wegen politischer Umtriebe im Gefängnis. In einen Vogel möchte sich dieser träumende Junge verwandeln: Dann flöge er über Synagogendiener Chaim hinweg, über Fleischermeister Hillels Laden, die Frisierstube von Aaron Damski, den ersten Lehrherrn, sähe den Hochzeitsmusikanten Leiser und Doktor Gutman, und alle die Bewohner dieses Fleckens aus der Ferne. Vor allem bräuchte er nicht länger auf dem jüdischen Friedhof mit all den Krähen und beim einbeinigen Totengräber Josef zu wohnen – er sähe die Welt. Daniel wird sie bald im Ghetto kennenlernen.

Das Museum von Eternas Roman.


Fernández, Macedonio (2014): Das Museum von Eternas Roman. Der erste gute Roman. 1., neue Ausg. Berlin: AB - Die Andere Bibliothek (Die Andere Bibliothek, 350).

Das Buch ist als Roman seiner Zeit voraus. In den 1930er- und 40er Jahren geschrieben – der Blütezeit der argentinischen Literatur – ist Das Museum in vielerlei Hinsicht ein »Anti-Roman«: Er beginnt mit über 50 Vorworten – einschließlich derer, die sich an »die Kritiker« und die »Leser, die verrückt werden, weil sie nicht wissen, was der Inhalt dieses Romans ist« wenden. Philosophisch, zweiflerisch, herausfordernd, unterhaltsam und in Kontakt mit dem Leser tretend – Fernández Vorstellung von einem guten Roman bezieht den Leser als Kunstfigur mit ein – machen die Vorworte klar: Es ist ein Roman, der nicht beginnen möchte – schließlich liegt im Beginn das Ende… Die zweite Hälfte des Buches besteht aus dem »Roman« selber. Die reizende Protagonistin Eterna, in deren Macht es steht die Vergangenheit zu verändern und eine Handvoll weiterer Charaktere leben auf einer Ranch namens »Der Roman« und werden von der Frage, wie wir trotz der Gewissheit unserer Sterblichkeit lieben können, bewegt. Wo Liebe ist, ist kein Tod, nur Vergessen… Eine großartige literarische Entdeckung, ein virtuoses Spiel mit Zeit und Raum, ein oft bewegendes Buch, welches die Grenzen des Genres neu definiert: der Roman hatte in Südamerika einen großen Einfluss auf Autoren wie Jorge Luis Borges, Julio Cortàzar und Ricardo Piglia, die von Fernàndez Charme und seinem Konzept begeistert waren. Nun kann auch der deutsche Leser diesen großen argentinischen Autor und sein Werk entdecken. Neben dem Museum als Ersten guten Roman steht Adriana Buenos Aires, den Fernández zum Letzten schlechten Roman deklarierte.

Die Nacht von Salvador


Martin, Marko (2013): Die Nacht von San Salvador. Ein Fahrtenbuch: AB - Die Andere Bibliothek (Die Andere Bibliothek, 345).

Gibt es in unserer schnellen, vernetzten Welt noch Abenteuer zu erleben – und zu bestehen? Käme darauf an, wie man vernetzt definiert. Dieses Fahrtenbuch erzählt von jener »Menschenfischerei«, die immer dann möglich ist, wenn erotische Begegnungen zum Tür-Öffner werden. Plötzlich – mitunter schon in den Geständnissen einer einzigen Nacht - tun sich Welten auf, die ansonsten verborgen bleiben: Die düsteren Geheimnisse einer lateinamerikanischen Oberschichtfamilie, die Lüste und Ängste einer syrischen jeunesse dorée im Schatten der Assad-Diktatur, die Geschehnisse vor und nach der Niederschlagung der birmesischen Mönchsproteste, die multiplen Identitäten südafrikanischer Farbiger oder israelischer Araber, die Traumatisierungen eines jungen laotischen Lager-Überlebenden, erzählt in einer Nacht in Madrid … verkürzt gesagt: Eine kleine Enzyklopädie der sexuellen Sitten und Gebräuche, der »moeurs« unserer Zeit, die nie im luftleeren Raum existieren, sondern erst durch die Schraffierung des politischen Hintergrunds an Kontur gewinnen – siehe Damaskus, Laos und Nicaragua, Danzig, Kapstadt oder Tel Aviv und eben San Salvador. Der häufige Perspektivwechsel und die Reflexion der Handlung in Kommentaren und Rückblenden ist dabei ein Antidot zur auftrumpfenden Schnurre, welche letzten Endes den Leser ausschließen würde. Auch stilistisch: Der heiter-ironische Konversationston der Zwischen-Dialoge ist bewusst gewählt als Ergänzung zur komplexen Sprache der Geschichten. Darüber hinaus erzählen vor allem diese Dialoge von einer „Liebesgeschichte in progress“, in der sich ein Paar der Liebes- und Lebensmöglichkeiten jenseits einer traditionellen Monogamie versichert. Man kann das Fahrtenbuch als Entwicklungsroman in Episoden lesen: Am Ende steht nicht nur die verteidigte Liebe, sondern auch die melancholische Einsicht in das eigene Älterwerden und der Abschied von juvenilem Entdecker-Muwillen. Auch politische Umbrüche bekommen deshalb in der Wahrnehmung einer Zeitachse eine existentielle Dimension. Was daraus folgt ist ein heiteres Loslassen-Können, vor allem aber eine auf Fortdauer bauende Liebe, die sich nicht selbst betrügt. So kommen am Schluss die Melancholiker ebenso zu ihrem Recht wie die Optimisten, die politisch wie auch die erotisch Neugierigen – und, last but not least – die Bücher verschlingenden Romantiker ebenso wie die erlebnishungrigen Welt- und Körper-Vagabunden.

Monsterroman Moravagine


Cendrars, Blaise; Radermacher, Ludwig; Zweifel, Stefan (2014): Moravagine. Monsterroman. Orig.-Ausg. Berlin: AB - Die Andere Bibliothek (Die Andere Bibliothek, 352).

Moravagine ist ein faszinierend beunruhigendes Werk und führt ins Zentrum der künstlerischen Moderne des 20. Jahrhunderts. Aber Moravagine ist auch immer noch, 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, ein eher verborgenes Buch. Dieser Krieg ist noch nicht vorbei, als 1917 Cendrars in einem Brief an Jean Cocteau seinen Plan annonciert: »Ich sage Dir, ein Monster...« Und was zeitgemäß »Das Ende der Welt« heißen sollte, erscheint endlich 1926 als Moravagine: Es ist der Name eines Amokläufers, eines Triebwesens, in dessen Name sich der Tod (la mort) und das Gebärende (le vagin) zwittrig vereinen. Moravagine, mehr Phänomen denn Person, ist ein Nomade seiner Wunschtriebe, eine Figur des Bösen, die die Ausschweifungen des Wahnsinns lebt, ein an der Sinnlosigkeit Verzweifelnder. Moravagine, so heißt der ungarische Adlige, der mit Unterstützung eines Arztes, des Erzählers Raymond, das Sanatorium Waldensee verlässt und mit ihm auf eine zehnjährige Reise geht: über Berlin in den russischen Revolutionsterrorismus, mit dem Schiff nach New York und weiter auf Goldsuche bis zu den Indianern , eine Flucht zum südamerikanischen Orinoko und zurück nach Paris, zu einem Flug um die Welt und in den Morphinismus.

Samstag, 14. Juni 2014

Reformationen


Frauenknecht, Heike; Leube, Frieder; Rommel, Birgit; Vollmer, Karola; Waschner, Petra (Hg.) (2014): Reformationen. Hintergründe - Motive - Wirkungen. 1. Aufl. Bielefeld: Bertelsmann, W (Grundlagen und Praxis evangelischer Erwachsenenbildung).

Die Reformationszeit markierte einen Umbruch im europäischen Denken, besonders im Nachdenken über den Glauben. Der Kurs "Reformationen. Hintergründe - Motive - Wirkungen" zeichnet Grundlinien reformatorischen Denkens nach und fragt nach ihren Wirkungen bis heute. Dazu geht er in fünf Kurseinheiten unter anderem auf die Reformationszeit als Umbruchzeit ein, vertieft das reformatorische Gottesdienstverständnis und entwickelt das Verhältnis der Reformatoren zur bildenden Kunst. Die einzelnen Kurseinheiten enthalten eine Fülle an Materialien und detaillierte Verlaufspläne, die einen Überblick über Zeitbedarf, Inhalte und Arbeitsformen geben. Die beiliegende DVD hält Lieder, Filmsequenzen und Kopiervorlagen bereit. Der Kurs ist für Bildungswerke und Kirchengemeinden, Volkshochschulen und überkonfessionelle Bildungsträger geeignet.

Sonntag, 8. Juni 2014

Was Bilder erzählen


Wellershoff, Dieter (2013): Was die Bilder erzählen. Ein Rundgang durch mein imaginäres Museum. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Dieses Buch ist eine Überraschung. Dieter Wellershoff, seit vielen Jahrzehnten als Autor von Romanen, Erzählungen und Essays bekannt, hat mit 87 Jahren einer lebenslangen Faszination folgend ein Buch über Malerei geschrieben. Kenntnisreich und sensibel schlägt er einen weiten Bogen von der Hochrenaissance bis zur aktuellen Kunstszene. Anhand von über 230 Gemälden und fast 80 Künstlern stellt er das fortwährend sich wandelnde Farben- und Formenspektrum der Malerei als ebenbürtigen, souveränen Geschwistersinn menschlicher Selbst- und Welterfahrung neben der Literatur dar.Es ist eine Schule des Wahrnehmens und des Imaginierens, in die Dieter Wellershoff seine Leser einführt.

Samstag, 31. Mai 2014

Gegenüberstellung


Brücke zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem

37 Kunstpositionen setzen sich mit dem Brückenschlag zwischen Mensch und Gott, zwischen Himmel und Erde, zwischen Zeit und Ewigkeit auseinander.

In vier Ausstellungen geben Künstler aus Europa zeitgenössische Antworten auf Fragen des Seins – in Skulpturen, Gemälden, Zeichnungen, Raum-, Video- und Lichtinstallationen sowie Performances.

Zum 99. Deutschen Katholikentag in Regensburg 2014 unter dem Leitwort „Mit Christus Brücken bauen“ begegnen sich in einem ehemaligen Kloster, in einer gotischen Basilika, in den historischen Räumen des Diözesanmuseums, in einem Einkaufszentrum und auf einer Brücke in herausfordernden Werken Glaube und Zweifel, Ethik und Ästhetik.

Mittwoch, 14. Mai 2014

Meister Eckart


Mieth, Dietmar (2014): Meister Eckhart. 1., neue Ausg. München: Beck, C H (Beck'sche Reihe).

Meister Eckharts Faszination ist nicht nur für diejenigen spürbar, die sich mit neuen religiösen oder interreligiösen Impulsen beschäftigen. Er stößt auch darüber hinaus auf geistiges, literarisches und religionskritisches Interesse. Der Dominikaner Meister Eckhart (ca. 1260-1328) lehrte wie Albertus Magnus am Studium Generale der Dominikaner in Köln, aber auch zweimal, wie Thomas von Aquin, auf dem theologischen Lehrstuhl in Paris (1303/04 und 1311-1313). Man zählt ihn als Philosophen zu der Deutschen Albert-Schule, die eine Reihe von vorzüglichen Denkern hervorgebracht hat. Eckhart, der "magister sacrae scripturae" (Professor der Heiligen Schrift), hat eine eigenständige Philosophie und Theologie entwickelt, die schon damals viele faszinierte und immer wieder neu entdeckt wurde. Seine letzten Jahre in Köln waren von einem Inquisitionsprozess überschattet, der gegenüber einem derart renommierten Lehrer der Theologie einzigartig war. Denn es ging dabei nicht primär um akademische Streitigkeiten, sondern um die pastorale Wirkung seiner deutschen Predigten und Schriften im Zusammenhang mit der Verfolgung von sog. "Freigeistern", aber auch der "Beginen", also religiös lebender Frauengemeinschaften.

Dietmar Mieth versucht, Eckharts Profil als Denker, als Prediger und als Lebenslehrer darzustellen. Er sieht in ihm nicht einfach ein historisches Phänomen, sondern einen Vorausdenker. Zudem bezieht Mieth soziale Zusammenhänge, insbesondere die damaligen religiösen Frauenbewegungen, mit ein. Und nicht zuletzt nimmt er Stellung zu Eckharts Lehrkonflikt.

Montag, 14. April 2014

Klöster in Niedersachsen


Dannowski, Hans Werner / Karl Johaentges (2014): Klöster in Niedersachsen. Rostock: Hinstorff.

Amelungsborn, Walkenried, Loccum, Börstel und Luene sie alle und weitere Klöster in Niedersachsen sind seit Jahrhunderten Zentren des religiösen und geistig-kulturellen Lebens, spielen auch heutenoch eine große gesellschaftliche Rolle, sind Oasen in einer von Hektik gezeichneten Welt.

Der Bildband stellt 40 ausgewählte, von evangelischen und katholischen Konventen belebte sowie ehemalige Klöster in Niedersachsen ausführlich und in repräsentativer Form vor, erzählt anschaulich und kenntnisreich von der Geschichte der Anlagen, von ihrer Architektur und Ausstattung, von herausragenden Kunstwerken und vom heutigen Leben in oft alten, manchmal aber auch ganz modernen Mauern. Die Bilder fangen die besondere Atmosphäre in den Kirchen, Kreuzgängen und Klostergärten ein. Entstanden ist ein Band, der in eine Welt führt, in der sich Tradition und Gegenwart auf beeindruckende Weise miteinander verbinden.

Mittwoch, 2. April 2014

Götter Global


Graf, Friedrich Wilhelm (2014): Götter Global. Wie die Welt zum Supermarkt der Religionen wird. 1., neue Ausg. München: Beck, C H.

Klappentext: Weltweite Migrationen, das Internet und der entgrenzte Kapitalismus haben die Religionen in zuvor nie gekannte Bewegung versetzt. Gott und vielerlei Götter werden zunehmend vermarktet, und auf den globalen Religionsmärkten setzen sich harte, kompromisslose Glaubensweisen durch. Friedrich Wilhelm Graf beschreibt Grundmuster der neuen unübersichtlichen Religionskonflikte in aller Welt, analysiert die Ausbreitung der aggressiv missionierenden Pfingstler in Südamerika und deutet den Siegeszug des Kreationismus in den USA. Das glänzend geschriebene, provozierende Buch zeigt, dass die Auflösung traditioneller Ordnungen und die wachsende Vielfalt von Frömmigkeitsstilen zu noch rigideren religiösen Ordnungsrufen führen. Am Ende steht die Frage, ob und wie sich Religionen überhaupt liberal und demokratisch einhegen lassen.

Technik und Religion


Schwarke, Christian (2012): Technik und Religion. Religiöse Deutungen und theologische Rezeption der Zweiten Industrialisierung in den USA und in Deutschland. Kohlhammer.

Klappentext: "Technische Innovationen sind nicht selten Auslöser für erhebliche kulturelle Veränderungen. Über diese wird in besonderer Weise in religiösen Bildern und Symbolen kommuniziert. Gleichzeitig führen Veränderungen der Technik auch zu Verschiebungen im religiösen Haushalt einer Gesellschaft. Dieser enge Zusammenhang zwischen Technik und Religion wird exemplarisch an den Entwicklungen in den USA zwischen den Weltkriegen dargestellt und der Situation in Deutschland gegenübergestellt. Die Positionen dieser Zeit wirken bis heute nach. Prägend für das sogenannte Machine-Age in den USA war ein Verständnis der Technik als ''New God'', während in Deutschland das Wort von der ''Dämonie der Technik'' dominierte. Um die religiösen Deutungen und Dimensionen der Technik zu erfassen, werden insbesondere Bilder als Quellen genutzt."

Hybris


Miegel, Meinhard (2014): Hybris. Die überforderte Gesellschaft. Berlin: Propyläen Verlag.

Klappentext: "Größenwahn und Selbstüberschätzung sind Teil der menschlichen Natur. Doch erst heute werden sie als Erfolgsfaktoren kultiviert. Die Folgen sind krankhaft wuchernde Wirtschaftsaktivitäten, entfesselte Finanzmärkte, dysfunktionale Bildungs- und Infrastrukturen, aus dem Ruder laufende Großprojekte, unkontrollierbare Datenmengen und globales Allmachtstreben. Meinhard Miegel, einer der profiliertesten Vordenker Deutschlands, sieht in dieser allgegenwärtigen Hybris die wesentliche Ursache für die tiefgreifende Krise von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Die exzessive Entwicklung unserer Lebenswelt, die Miegel eindringlich schildert, überfordert alle: Einzelne und Gruppen, Unternehmen, Schulen und Universitäten, Parteien, Regierungen und internationale Organisationen. Ihre Kosten sind enorm, keine Volkswirtschaft kann sie stemmen. Die Lösung des Problems ist erprobt und zuverlässig: Es ist die Kunst der Beschränkung – die Rückkehr zu einem menschlichen Maß, das unsere individuellen und gesellschaftlichen Ressourcen schont und in ein neues Gleichgewicht bringt. Worin diese Kunst besteht, macht Miegel an vielfältigen Beispielen eindrucksvoll deutlich."